Liebe FreundInnen der NANNAS e.V., eigentlich würden wir jetzt gerade die Türen des Pfälzer Schlosses und den „Weibermarkt“ für Euch öffnen.

Stattdessen sind wir zuhause, und bekommen Post von den Frauenorganisationen, für die wir Eure Spenden sammeln wollten. Aber lest bitte selber, was NotWaende aus Dieburg uns schreibt:

„In unserem Wohnheim für wohnungslose Frauen, z.T. mit Kindern geht es den Frauen noch verhältnismäßig gut. Solange noch kein bestätigter Corona-Fall auftaucht, arbeiten wir reduziert, aber doch weiter. Wir versuchen uns strikt an Sicherheitsvorgaben zu halten, da wir die Quarantäne-Situation, wenn wir nicht mehr arbeiten dürfen, fürchten.
Das hat zur Folge, dass ich überlege, ob ich eine Frau, die gerade erfahren hat, dass ihre wichtigste Bezugsperson, ihre Oma gestorben ist, in den Arm nehmen darf oder nicht. Darf ihr Bruder zu Besuch kommen, der in einer Jugendhilfeeinrichtung lebt? Dürfen die Partner der Frauen zu Besuch kommen, die in Gemeinschaftsunterkünften unter engsten Bedingungen leben?
Mit ehemaligen Bewohnerinnen, die uns besuchen weil sie einen Rat brauchen, reden wir gerade auf dem Hof in der Sonne, die glücklicherweise noch scheint.

Die Psychiatrien und psychosomatischen Kliniken schließen ihre Stationen. Verständlich bei der Belastung der Gesundheitsarbeiter*innen, eine Katastrophe für die Betroffenen.
Wer sowieso bereits an Angststörungen leidet, ist in dieser besonders unsicheren Zeit besonders belastet.
Eine unserer Bewohnerinnen hat nach langem Überlegen eine stationäre Traumatherapie begonnen. Nachdem die Themen angesprochen, also „hochgeholt“ waren, wurde die Station geschlossen. Jetzt ist die Frau wieder da und hat jede Nacht Alpträume. Eine andere hat nach einem Rückfall endlich den lang erwarteten Entgiftungsplatz bekommen. Nach 5 Tagen wurden alle, die nicht als Notfall gelten, entlassen. Sucht gilt nicht als Notfall.
Die meisten Beratungsstellen bieten, wenn überhaupt, nur noch telefonische Beratung. D. h. wichtige Anlaufstellen, z.B. bei Suchtdruck fallen weg.

Ein Zimmer, das ein Bad und Zugriff auf die Küche des Gemeinschaftsraumes hat, belegen wir gerade nicht. Die Idee dahinter ist, dass wir eine Frau mit Infektion während einer Quarantänesituation separieren können, da wir in so einem Fall bei unseren beengten Wohnverhältnisse befürchten, dass das soziale Gefüge kippt.

Und doch ist die Stimmung, sowohl im Team als auch unter den Frauen gut. Wir erleben viel Solidarität wenn es einer von ihnen schlecht geht, eine pragmatische Gelassenheit und viel Verständnis für die durch das Team getroffenen Maßnahmen.

Außerhalb des Mikrokosmos Notwaende sehen wir aber auch, dass es für Menschen, deren Zuhause die Straße, Notunterkünfte, Gemeinschaftsunterkünfte oder ähnliches sind, schwer möglich ist, die Sicherheitsvorgaben einzuhalten.

Durch das „still gelegte“ Leben gibt es noch weniger Fluktuation in den Einrichtungen und dadurch weniger Aufnahmekapazitäten während durch das enge Zusammenleben ohnehin schon prekäre und/oder von häuslicher Gewalt betroffene Wohnsituationen verschärft werden.

Aber es gibt auch Hoffnung. Es gibt ein großes Angebot an solidarischer Hilfe und eine Atmosphäre der Dankbarkeit und Aufmerksamkeit, für die, die jetzt „den Laden schmeißen“. Es wird sichtbar, wer wirklich wichtige Arbeit macht in dieser Gesellschaft. Und es wird deutlich, dass Geld zur Verfügung steht, wenn es gewollt ist. Es ist eine Frage der politischen Entscheidung, wofür es ausgegeben wird.
Es ist zu hoffen, dass davon etwas bleibt, dass Chancen genutzt werden hin zu mehr sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit.“